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Kulturkritik: «Das Volk ohne Liebe. Menschen aus neuem Fleisch. Heiner Müller »

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Hintergrund
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Kulturkritik


«Das Volk ohne Liebe. Menschen aus neuem Fleisch. Heiner Müller »

8. Mai 2026

Autor Bernd Hesse

Bericht über die Premiere der Bürgerbühne im Kleist Forum Frankfurt

Getreu Heiner Müllers Diktum, wonach es Verrat sei, Brecht nicht zu verändern, zitiert, verfremdet und denkt Mirko Borscht den bedeutenden Dramatiker weiter.

© Foto: Bürgerbühne / Kleist Forum

Gastregisseur Borscht, der bereits zum dritten Mal eine Produktion auf die Bürgerbühne des Kleist Forums bringt und für Regie, Gesamtkonzept sowie die Videoinstallationen verantwortlich zeichnet, wurde von Jonas Rangott und Marie Viola Franke assistiert. Nach der Premiere am 8. Mai 2026 und den bisherigen weiteren Aufführungen stieß „Das Volk ohne Liebe“ auf Begeisterung, Zustimmung, Verunsicherung, Ablehnung, Ratlosigkeit und Skepsis – kurz gesagt: auf all das, was auch Heiner Müller entgegenschlug und was Theater im besten Sinne vermag.

Das Publikum betritt das Studio B, dessen Stahltreppen und mehrere Ein- und Ausgänge vielfältige Möglichkeiten des Spiels eröffnen. Gleich zu Beginn verschwindet der angeblich textvergessene Performer, der nicht Hamlet sein will, frustriert durch einen Ausgang, gefolgt vom restlichen Ensemble. „Das war aber ein sehr kurzes Stück“, könnte man meinen. Ob sich die Performer wieder zusammenraufen? Oder gehört all das bereits zum Spiel? Natürlich gehört es dazu. Denn Müller lässt seinen Hamlet, der keiner sein will und dann doch wieder Hamlet ist, immer wieder aus der Rolle treten und den Schauspieler sich selbst spielen.

Der anfängliche Nicht-Hamlet erscheint dabei als schwarzer Engel, daneben schaukelt ein weißer Engel. Das Bild erinnert weniger an die „Hamletmaschine“ als an den „Prolog im Himmel“ aus Goethes Faust. So entfernt sich die Inszenierung immer wieder von Müller, um sich ihm in anderen Szenen erneut anzunähern. Die Engel begegnen sich fortwährend – leidende, beobachtende, sinnierende Himmelsbewohner, wie sie auch durch Müllers Texte und Gedichte ziehen. Besonders eindrucksvoll sind jene Momente, in denen die Aufführung starke, schockierende und zugleich poetische Bilder hervorbringt, die ihren inneren Widerspruch offen zur Schau stellen.

Da ist etwa der Engel, der im Traum die unvernünftigen Gaffer „an die Wand stellen“ möchte, dann jedoch wegen seines fehlenden Schwanzes ausgelacht wird. Oder der kroatische Fabrikarbeiter, der nach der Rückkehr in seine Heimat zunächst mit seiner Frau schläft, um sie und die Kinder nach dem Frühstück mit der Axt zu töten. Figuren, die über moralische, psychische und gesellschaftliche Grenzen hinausgetrieben werden, begegnen dem Zuschauer ebenso wie die Axt selbst, die als wiederkehrendes Symbol auf der Bühne präsent bleibt: erhoben, drohend, in Holz geschlagen, als stumme Erinnerung an die jederzeit mögliche Gewalt.

Ohne noch mehr vom Inhalt preiszugeben: Die Zuschauer werden immer wieder unvermittelt in das Hier und Heute zurückgeholt, zum Beispiel wenn Bundespolizisten am Grenzübergang zu Polen ihre ganz eigenen Ansichten über jene Ausländer äußern, die die Sozialsysteme belasten. Das Publikum ist aufgefordert, sich frei durch die Performance zu bewegen, was bisweilen zu ungewollten Zusammenstößen und irritierenden Situationen führt, die von den Performern scheinbar improvisiert aufgefangen werden. Dennoch überschreitet die Inszenierung nie die Schwelle zum eigentlichen Mitmachtheater.

Drastische Darstellungen von Verzweiflung und Gewalt, von Selbsthass, Sinnsuche und bitterer Satire getragenes Spiel sowie mal begleitend, mal dominant eingesetzte Videosequenzen lassen aus dem fragmentarischen Material allmählich ein Ganzes entstehen – auch darin bleibt Müller erkennbar. Dabei spannt die Aufführung den Bogen von der Ermordung Rosa Luxemburgs über zwei deutsche Diktaturen, den Terror der RAF und den Mauerfall bis hin zur Gegenwart der Bundesrepublik. Mit den Bildern militärischer Gewalt in der Ukraine und in Gaza endet der Blick nicht bei den von Müller stets skeptisch betrachteten Deutschen, sondern öffnet sich auf eine allgemeine Erfahrung von Zerstörung, Angst und politischer Sprachlosigkeit.

Vielleicht ist das Stück aber auch ganz anders gemeint – und erzeugt gerade dadurch jene „Produktivität des Missverstehens“, die Müller selbst immer wieder beschwor.

Ganz großartig spielt Gwen-Justine Maxi Kraft die Ophelia, die nun aufgehört hat, sich die Pulsadern aufzuschneiden, sich aufzuhängen oder den Kopf in den Gasherd zu stecken. Überhaupt überzeugt das gesamte Ensemble mit hoher körperlicher Präsenz und bemerkenswerter Spielfreude: Annelie Böttcher, Oleksandra Derkach, Marie Viola Franke, Jeremie Jonscher, Jolina Laube, Sophie Scheiper, Dirk Schöpke, Jakob Thöne und Alex Ziegler.

Und wer wissen möchte, weshalb in diesem Stück ein aufgespießtes Brathähnchen seinen Duft durch den Raum verbreitet, warum ein Salatkopf sein tragisches Ende findet oder welche Bedeutung eine Chipstüte besitzt, sollte eine der weiteren Vorstellungen besuchen.

Der Eintritt ist frei. Eine Ticketreservierung ist jedoch erforderlich und möglich per Email an ticket@muv-ffo.de, an der Kasse im Kleist Forum oder in der Deutsch-Polnischen Tourist-Information im Bolfrashaus.

Weitere Vorstellungen finden statt am: 31. Mai sowie am 20., 26. und 27. Juni 2026.

Geschrieben von: MK

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