© Foto: Matthias Kayales
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Energiewende in Frankfurt (Oder): Zwischen Wärmeversorgung und Widerstand in Güldendorf 91.7 ODERWELLE

Die Energiewende sorgt auch in Frankfurt (Oder) für Diskussionen. Im Mittelpunkt des Sonntagsbrunchs der 91.7 ODERWELLE stand am Sonntag die Frage, ob Wind- und Solarenergie künftig stärker direkt vor Ort erzeugt und genutzt werden sollen – und welche Folgen das für die Menschen in den betroffenen Ortsteilen haben könnte.
Unter dem Titel „Energiewende: Ja. Aber nicht vor meiner Haustür“ diskutierten Moderatorin Jacqueline Eckardt und Matthias Kayales vier Stunden lang mit Vertretern der Stadtwerke, des Projektentwicklers ENERTRAG und der Bürgerinitiative Güldendorf. Zu Gast waren Stadtwerke-Geschäftsführer Torsten Röglin, Stefan Seum, Projektleiter Deutschland Wind & Solar bei ENERTRAG, Katja Gall, Teamleiterin Repowering bei ENERTRAG, sowie Delia Jahn und Pauline Kubenka von der Bürgerinitiative Güldendorf.

Gleich zu Beginn stellte Stadtwerke-Geschäftsführer Torsten Röglin klar: Eine Entscheidung für den Bau von Windenergieanlagen gibt es bislang nicht. Das Vorhaben befinde sich noch in einer frühen Phase. Zunächst gehe es darum, die grundsätzliche Eignung des Standorts zu prüfen und gegebenenfalls ein entsprechendes Verfahren einzuleiten. Erst anschließend würden detaillierte Untersuchungen und Genehmigungsprüfungen folgen.
Hintergrund ist das gemeinsam mit ENERTRAG entwickelte Konzept eines sogenannten „Energie-Intranets“. Strom aus erneuerbaren Quellen soll möglichst dort genutzt werden, wo er erzeugt wird. Nach den derzeitigen Überlegungen könnten in Güldendorf fünf Windenergieanlagen mit jeweils 7,2 Megawatt Leistung entstehen. Die geplanten Anlagen wären rund 267 Meter hoch. Ergänzt werden soll das Konzept durch eine Photovoltaikanlage in Markendorf sowie eine Großwärmepumpe.
Der erzeugte Strom soll dabei nicht einfach in das öffentliche Stromnetz eingespeist werden. Nach Angaben der Stadtwerke soll er insbesondere für die Wärmeerzeugung genutzt werden. Über eine Großwärmepumpe könnte Strom in Wärme umgewandelt und für das Fernwärmesystem bereitgestellt werden.
Für die Stadtwerke steht dabei vor allem die Zukunft der Wärmeversorgung im Mittelpunkt. Röglin verwies darauf, dass Fernwärme gleichzeitig zuverlässig, bezahlbar und langfristig klimaverträglich werden müsse. Verschiedene Möglichkeiten seien geprüft worden – darunter Solarthermie, Biomasse, Biogas und die Nutzung des Oderwassers. Die Kombination aus Windenergie und Großwärmepumpe könne aus Sicht der Stadtwerke eine wirtschaftlich interessante Möglichkeit sein.
ENERTRAG-Projektleiter Stefan Seum erklärte, dass die Zahl von fünf Windenergieanlagen nicht einfach als unveränderbare Vorgabe zu verstehen sei. Grundsätzlich könne auch mit weniger Anlagen gearbeitet werden. Allerdings würde sich dadurch voraussichtlich die Wirtschaftlichkeit des Projekts verschlechtern und die daraus resultierende Wärme teurer werden.
Ein großer Teil der Diskussion drehte sich um mögliche Belastungen für die Anwohner. ENERTRAG verwies darauf, dass konkrete Aussagen zu Lärm, Schattenwurf, Natur- und Artenschutz erst im weiteren Planungsverfahren möglich seien.
Für Windenergieanlagen gelten gesetzliche Vorgaben unter anderem für Geräuschemissionen und Schattenwurf. Nach Angaben von Katja Gall werden die entsprechenden Auswirkungen in Gutachten untersucht. Bei Überschreitungen der zulässigen Werte könnten Anlagen beispielsweise zeitweise abgeschaltet oder entsprechend reguliert werden.
Auch der Artenschutz soll ausführlich untersucht werden. Genannt wurden unter anderem Greifvögel und Fledermäuse. Nach Angaben von ENERTRAG können solche Untersuchungen über einen längeren Zeitraum erfolgen und gegebenenfalls zu Standortveränderungen oder zeitweisen Abschaltungen der Anlagen führen.
Auch das Thema Rückbau wurde angesprochen. Katja Gall erklärte, dass bei von ENERTRAG zurückgebauten Anlagen die Fundamente grundsätzlich entfernt würden. Für die Anlagen werde eine Recyclingquote von rund 94 Prozent angegeben. Beton, Stahl und weitere Materialien könnten wiederverwendet werden.

Eine deutlich andere Perspektive brachten Delia Jahn und Pauline Kubenka von der Bürgerinitiative Güldendorf in die Sendung ein. Sie machten deutlich, dass es aus ihrer Sicht nicht nur um die grundsätzliche Frage der Energiewende gehe, sondern vor allem um die konkreten Auswirkungen auf Güldendorf und die angrenzenden Ortsteile.
Jahn berichtete von Sorgen der Einwohner um Gesundheit, Natur und das Quellgebiet in Güldendorf. Als weitere Kritikpunkte nannte die Bürgerinitiative unter anderem Schlagschatten, Infraschall und mögliche gesundheitliche Auswirkungen.
Die Bürgerinitiative verwies außerdem auf die besondere Bedeutung des Naturraums rund um Güldendorf. Nach ihren Angaben gebe es dort unter anderem Fisch- und Seeadler, Störche, Milane, Fledermäuse und Eulen. Auch das Naturschutzgebiet Fauler See spiele in der Diskussion eine wichtige Rolle.
Die Vertreterinnen der Initiative kritisierten zugleich, dass sie sich bislang nicht ausreichend über konkrete Planungen informiert fühlten. Viele Fragen – etwa zur genauen Größe des Gebiets, zur Zahl der Anlagen sowie zu möglichen Auswirkungen durch Lärm, Schattenwurf oder Abrieb – seien aus ihrer Sicht noch nicht öffentlich ausreichend beantwortet.
Auch die finanziellen Auswirkungen waren Thema. Im Gespräch wurde eine Summe von insgesamt rund 500.000 Euro genannt, die sich unter anderem aus verschiedenen Zahlungen und Pachteinnahmen zusammensetzen könnte. Die Bürgerinitiative machte jedoch deutlich, dass finanzielle Vorteile für sie die grundsätzlichen Bedenken nicht ausräumen.
Besonders kritisch sehen Jahn und Kubenka die Frage, ob finanzielle Einnahmen tatsächlich unmittelbar dem Ortsteil zugutekommen. Sie verwiesen dabei auf bereits bestehende Probleme wie fehlenden Lärmschutz an der Autobahn und Investitionsbedarf bei der örtlichen Infrastruktur.
Die Vertreterinnen der Bürgerinitiative stellten deshalb die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von wirtschaftlichem Nutzen, möglichen Auswirkungen auf Mensch und Natur sowie den langfristigen Folgen für kommende Generationen.

Bei einem Punkt lagen die Gesprächsteilnehmer zumindest teilweise näher beieinander: Die entscheidenden Untersuchungen und eine umfassende Beteiligung der Bevölkerung stehen noch bevor.
ENERTRAG erklärte, dass der eigentliche Planungs- und Bebauungsprozess erst nach einem entsprechenden Beschluss der Stadtverordnetenversammlung beginnen würde. In diesem Verfahren könnten auch die Stadt und die Bevölkerung Einfluss nehmen und Bedingungen formulieren.
ENERTRAG rechnet nach eigenen Angaben mit einer mehrjährigen Planungsphase. Ziel sei es, innerhalb von drei bis vier Jahren durch die entsprechenden Planungsschritte zu kommen und – sofern das Projekt genehmigt und umgesetzt wird – die Windenergieanlagen perspektivisch bis 2031 zu errichten.

Am Ende des vierstündigen Sonntagsbrunchs blieb deshalb vor allem eines festzuhalten: Eine Entscheidung für die Windenergieanlagen in Güldendorf ist noch nicht gefallen.
Auf der einen Seite stehen die Stadtwerke und ENERTRAG, die in der Kombination aus Windenergie, Photovoltaik, Wärmepumpe und lokaler Nutzung eine Möglichkeit sehen, die Energie- und Wärmeversorgung Frankfurts langfristig klimaverträglicher und wirtschaftlicher zu gestalten.
Auf der anderen Seite stehen Bürgerinnen und Bürger, die insbesondere die Auswirkungen auf Landschaft, Natur, Lebensqualität und ihre Heimat kritisch sehen und eine umfassende Prüfung sowie echte Beteiligung fordern.
Die Stadtverordnetenversammlung muss zunächst über den weiteren Weg entscheiden. Erst danach könnte das eigentliche Planungs- und Prüfverfahren beginnen. Wie das Projekt am Ende aussieht – oder ob es überhaupt umgesetzt werden kann – ist damit weiterhin offen.

Trotz der unterschiedlichen Positionen verlief die Diskussion beim Sonntagsbrunch durchgehend in einer angenehmen, offenen und konstruktiven Gesprächsatmosphäre. Die verschiedenen Perspektiven wurden ausgetauscht, Fragen direkt angesprochen und auch kritische Punkte sachlich diskutiert.
Einig waren sich die Beteiligten darin, dass der weitere Dialog wichtig ist. Der Sonntagsbrunch auf 91.7 ODERWELLE – Frankfurts Stadtradio, live aus der Skylounge 24 im Oderturm, bot damit Raum für einen offenen Austausch über ein Thema, das Frankfurt (Oder) noch länger beschäftigen dürfte.