Tafeln in Brandenburg am Limit

Die Tafel in Frankfurt (Oder)

Gestiegene Lebensmittelpreise und teurer Sprit machen den Tafeln in Brandenburg zu schaffen. Die Ehrenamtlichen unterstützen Bedürftige und sind nun selber bedürftig. Sie sehen die Politik in der Pflicht. Von Silke Nauschütz,dpa

Es ist einer von vielen Tagen, an denen Kai Noack wieder auf der Autobahn unterwegs ist. Der Cottbuser fährt von einem Termin zum nächsten, schreibt Mails oder telefoniert, um für Lebensmittel- und Geldspenden für die Tafeln im Süden Brandenburgs zu werben. Diesmal hat der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Tafel Deutschland ein Gespräch in Berlin. Was er derzeit erlebt, bringt ihn und seine ehrenamtlichen Mitarbeitenden an den Rand ihrer Kräfte. «Wir sind so gefordert wie noch nie», berichtet der 50-Jährige.

Nach zwei Jahren Corona-Pandemie mit vielen Beschränkungen und immer neuen Regeln seien die Kräfte der Ehrenamtlichen erschöpft. Viele seien auch gar nicht mehr gekommen, weil sie selber zur Corona-Risikogruppe gehörten, sagt Noack mit Blick auf die meist älteren Mitarbeitenden. Gestiegene Lebensmittelpreise und Energiepreise machen ihm zusätzlich große Sorgen. «Wir müssen immer mehr Geld investieren, um weniger zu bekommen», erzählt er. Dabei wachse die Zahl der Bedürftigen. «Viele Menschen kommen zu uns, die vor zwei Jahren noch nicht mal dachten, dass sie überhaupt mal auf unsere Hilfe angewiesen sind», hat er bei der Cottbuser Tafel beobachtet. «Diese Situation wird mehr Menschen unverschuldet in die Armut treiben.»

Noack ist Geschäftsführer des Albert-Schweitzer-Familienwerks Brandenburg – Träger von sieben Tafel-Projekten – darunter in Welzow, Spremberg, Lübben und Cottbus. Allein in der zweitgrößten Stadt des Landes werden mit der Tafel bis zu 5000 Bedürftige unterstützt. 500 sind durch die Ankunft der ukrainischen Flüchtlinge hinzugekommen.

Ähnliches berichtet Imke Eisenblätter von der Tafel Potsdam. Die Zahl der Menschen, die sich jeden Tag Lebensmittel holen oder Waren des persönlichen Bedarfs brauchen, sei gestiegen. «Viele haben sich gescheut, zu uns zu kommen, aber nun durch steigende Lebensmittelpreise und Energiekosten fühlen sie sich gezwungen.»

Die Geschäftsführerin und ihr Team unterstützen normalerweise 1200 Kunden. Seit April seien zusätzlich 1400 ukrainische Geflüchtete hinzugekommen. Genügend Lebensmittel für Bedürftige gebe es, sagt Eisenblätter, denn auch in den Randbezirken Berlins könnten in Supermärkten Lebensmittel-Spenden abgeholt werden. Nur fahren die Ehrenamtlichen die Supermärkte jetzt zehn statt vier Mal an. «Wir können das logistisch nicht mehr leisten», sagt die Tafel-Chefin und spricht von einer «Akutsituation». Es fehlten Leute, Platz und Zeit. Die gestiegenen Spritpreise hätten die Ausgaben nahezu verdoppelt.

Man sei wütend auf die Brandenburger Politik «Das ist eine bodenlose Frechheit»

Eisenblätter und Noack sind wütend auf die Brandenburger Politik, weil der Landtag einen Antrag der oppositionellen Linken ablehnte, die Tafeln und andere soziale Hilfsangebote mit einer Grundförderung zu unterstützen. Sozialministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) erklärte, der Staat dürfe neben der Grundsicherung, die das Lebensnotwendige sicherstellen solle, keine konkurrierenden Hilfesysteme aufbauen. Die Leistung der Ehrenamtlichen zur Ergänzung dieser Hilfen sei aber immens, hatte die Ministerin gelobt.

«Das ist eine bodenlose Frechheit. Damit stößt man nicht nur die Tafeln vor den Kopf. Das ehrenamtliche Engagement wird mit Füßen getreten», kritisiert Eisenblätter. 190 Ehrenamtliche arbeiten nach ihren Angaben in Potsdam bei der Tafel, mehrheitlich Rentnerinnen und Rentner. Es werde so getan, als seien die Tafeln der verlängerte Arm des Staates, im Gegenzug werde aber die finanzielle Unterstützung verwehrt. «Das frustriert.»

Dabei könnte es auch anders gehen, meint Noack. Die Tafeln in Sachsen etwa würden mit 400 000 Euro vom Land unterstützt. Er erinnert an die eigentliche Aufgabe der Einrichtungen. «Die Idee der Tafel war es nie, alle armutsbetroffenen Menschen verbindlich und verlässlich zu unterstützen beziehungsweise zu versorgen. Es ging darum, zu allererst Lebensmittelverschwendung und Vernichtung zu verhindern», erläutert Noack. Erst im zweiten Schritt sei es darum gegangen, Lebensmittel an Bedürftige abzugeben. «Für die Daseinsfürsorge ist der Sozialstaat zuständig. Doch der zieht sich komplett zurück.»

Eisenblätter hat im Mai noch Hilfe von der Stadt Potsdam erhalten, die die ukrainischen Geflüchteten mit unterstützt hat. Diese Hilfe läuft nun aus. Das Klientel habe sich inzwischen erweitert, berichtet sie. Außer Rentnern, Studierenden und Hartz-IV-Empfängern kämen nun immer häufiger Menschen, deren Lohn nicht mehr zum Leben reiche. «Viele haben sich gescheut, aber durch nun steigende Lebensmittelpreise und Energiekosten fühlen sie sich gezwungen.» Die Tafel werde Neukunden nicht mehr aufnehmen können. 110 Berechtigungskarten würden noch ausgegeben, dann sei Schluss.

«Das hätte ich vor 30 Jahre auch nicht gedacht, dass wir soweit kommen», sagt Inga Karina Ackermann vom Arbeitslosenverband, der 14 Tafeln und 46 Ausgabeorte in Brandenburg betreut. Bei einer verstetigten Armut von 15 Prozent im Land müsse ein Umdenken der Politik stattfinden, fordert die Chefin des Landesverbandes. «Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander.»

16,5 Prozent der Kunden der Tafeln in ihrem Betreuungsbereich seien Rentner, 27 Prozent Asylbewerber. Zusätzlich müssten 1280 geflüchtete Menschen aus der Ukraine versorgt werden. Das blende die Politik in Potsdam komplett aus. Sieben Ausgabestellen musste der Verband bereits schließen, weil es laut Ackermann nicht mehr zu schaffen war, sie zu betreiben. Die ehrenamtlichen Kräfte seien überwiegend ältere Mitarbeitende. «Tragen sie mal ne Bananenkiste, wissen sie wie schwer das ist?» Ab August sei das Geld alle, um tanken zu fahren, hat sie ausgerechnet.

Etwa 1185 Menschen in Seelow werden von der Tafel unterstützt – Frankfurt (Oder) verzeichnet einen verstärkten Zulauf.

Auch Rentner bekommen die Krise zu spüren, die Volkssolidarität etwa berichtet von mehr Zulauf bei den beiden Tafeln, die sie in Frankfurt (Oder) und Seelow betreibt. In der kleinen Stadt im Kreis Märkisch Oderland mit rund 5400 Einwohnern gebe es unter den etwa 560 Senioren viele, die Unterstützung bräuchten, aber aus Scham das Angebot nicht nutzten, berichtet eine Mitarbeiterin. Allein in Seelow werden 1185 bedürftige Menschen versorgt, davon 145 aus der Ukraine. Auch der Standort in Frankfurt (Oder) verzeichnet einen verstärkten Zulauf von Seniorinnen und Senioren und 500 ukrainischen Geflüchteten, wie Vorstandsvorsitzende Ines Große berichtet.

Die Akteure sind sich einig: In erster Linie sei die Politik am Zug, sich für eine menschenwürdige Existenzsicherung einzusetzen. «Wir reden auch von Menschen, die arbeiten gehen und trotzdem auf Unterstützung angewiesen sind», mahnt Noack und fordert eine deutliche Entlastung von Menschen mit kleineren Einkommen. Eine Einmalzahlung «mit der Gießkanne» helfe da nicht. Zudem müssten die Tafeln finanzielle Unterstützung für Gebäude, Fuhrpark und leitendes Personal erhalten, ergänzt Ackermann. Und Eisenblätter stellt fest: «Wir sind uns für nichts zu schade.» Allein die Würdigung fehle.