Ein Brückenbauer und Grenzgänger geht in den Ruhestand

Wissenschaftler, Autor und Verwaltungschef Krzysztof Wojciechowski

Mehr als 30 Jahre lang hat sich Krzysztof Wojciechowski in der deutsch-polnischen Grenzregion um eine Versöhnung beider Nationen bemüht – als Wissenschaftler, Autor und Verwaltungschef. Er hat vermittelt, erklärt und nach Kompromissen gesucht. Nun geht er in Rente. Damit hört sein leidenschaftlicher Einsatz aber nicht auf. Von Jeanette Bederke

«Nach 30 Jahren haben wir endlich eine Win-Win-Situation bei den deutsch-polnischen Beziehungen auf regionaler und menschlicher Ebene», sagt Krzysztof Wojciechowski, Verwaltungsdirektor des Collegium Polonicum im polnischen Słubice. Das Wohlstandsgefälle gebe es an Oder und Neiße nicht mehr. Die Zeiten, dass Deutsche in der Grenzregion Witze über Polen machten und umgekehrt über Arroganz und Bürokratie der Deutschen gelästert wurde, seien kein Alltag mehr.

Und die Zahl derer, die tatsächlich grenzüberschreitend leben, sei enorm gewachsen. «Entweder schicken Eltern in die Schulen oder Kitas des Nachbarlandes, wohnen selbst dort, gehen zum Arzt, einkaufen oder besuchen Kultureinrichtungen», zählt Wojciechowski mit zufriedenem Gesichtsausdruck auf. Mehr als 30 Jahre lang hat der gebürtige Warschauer diese Entwicklung, das gegenseitige Kennenlernen und Verstehen in der Grenzregion beobachtet und begleitet. Ende November dieses Jahres geht der 65-Jährige in den Ruhestand.

Der Liebe zu einer Deutschen wegen war der studierte Philosoph und Soziologe nach der Wende nach Frankfurt (Oder) gekommen und hatte Anfang 1991 im Gründungsbüro der Europa-Universität Viadrina angefangen. «Ich war der Einzige, der mit der polnischen Seite telefonieren konnte», erinnert sich Wojciechowski schmunzelnd. An der Hochschule wurde er 1993 Leiter des Akademischen Auslandsamtes. «Für mich ein absolutes Abenteuer, denn ich war Wissenschaftler, hatte keinerlei Verwaltungserfahrungen.» Damals mussten polnische Studenten, die an die Viadrina wollten, noch Visa beantragen. «Bis sie die bekamen, dauerte es damals acht Wochen, da war so ein Studiensemester schon fast halb rum. Ich habe dafür gesorgt, dass das Verfahren auf sieben Tage verkürzt wurde.»

Im Oktober 1994 wechselte Wojciechowski schließlich als Verwaltungsdirektor an das Collegium Polonicum nach Słubice, einer Gemeinschaftseinrichtung für Forschung und Lehre der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań und der Frankfurter Europa-Uni. «Ich hatte in meinem Leben irgendwie ständig mit den deutsch-polnischen Beziehungen zu tun und wollte aktiv etwas für eine Versöhnung zwischen beiden Nationen tun. Das Collegium Polonicum als Bindeglied sah ich dafür als Chance», erzählt der 65-Jährige.

Doch er brauchte einen langen Atem, wie er beschreibt. «Damals war das deutsch-polnische Verhältnis äußerst schwierig. Jede Seite versuchte sich auf Kosten der anderen zu profilieren. Eine Kooperation funktioniert nur auf Augenhöhe und das war ein längerer Prozess», macht Wojciechowski deutlich.

«Krzysztof Wojciechowski war und ist ein Brückenbauer und Grenzgänger par excellence: Seit der Gründung der Viadrina setzt er sich unermüdlich für die deutsch-polnische Verständigung ein und hat von Beginn an die Gründung, inhaltliche Ausgestaltung und Entwicklung des Collegium Polonicum wesentlich geprägt», würdigt die amtierende Präsidentin der Frankfurter Europa-Universität, Eva Kocher. Er habe als Chef von 50 polnischen und 35 deutschen Mitarbeitern jahrelang vermitteln, erklären und Kompromisse suchen müssen, sagt Wojciechowski. Alles sei verhandelt und erkämpft worden, um aus dem Collegium Polonicum ein Beispiel tatsächlich gelungener deutsch-polnischer Zusammenarbeit zu machen.

Seine Erfahrungen hat der Wissenschaftler 2002 in dem Essay-Band «Meine lieben Deutschen» verarbeitet, in dem er mit Augenzwinkern über die Mentalität der Menschen zu beiden Seiten von Oder und Neiße philosophiert. Das Schreiben, so sagt er, ist für ihn als Wissenschaftler in den vergangenen 20 Jahren viel zu kurz gekommen. «Als Verwaltungsdirektor war ich an der Ausarbeitung von Studiengängen beteiligt, aber auch für ausreichend Klopapier auf den Toiletten des Collegium Polonicum verantwortlich.»

Wojciechowski habe die wissenschaftliche Vernetzung zwischen Deutschland und Polen auf institutionelle Füße gestellt und den internationalen Brückenschlag der Europa-Uni mit vorbereitet, lobt Frankfurts Oberbürgermeister René Wilke (Die Linke).

«Ebenso wird er uns auch nach Beendigung seiner beruflichen Laufbahn als jemand in Erinnerung bleiben, der sich als seelischer Dolmetscher für die grenzübergreifende Verständigung und vor allem auch für das gegenseitige Verständlichmachen engagierte»

Oberbürgermeister René Wilke
René Wilke (Die Linke), Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder)

Wenn Wojciechowski am 30. November das Büro des Verwaltungsdirektors für seine Nachfolgerin Agnieszka Bronczyk räumt, hofft er, für «das Geistige», das Bücherschreiben, endlich wieder Zeit zu finden. Der Wahl-Frankfurter hat auch im Ruhestand weiter viel zu tun. Als Begründer des deutsch-polnischen Vereins «My Life – erzählte Zeitgeschichte» koordiniert er den Aufbau eines Archivs menschlicher Schicksale aus der Grenzregion: Zeitzeugen werden interviewt, um ihre Biografien für nachfolgende Generationen zu erhalten. Da Wojciechowski das «Loslassen» so schwer fällt, wie er bekennt, hat er noch für ein weiteres Jahr ein Arbeitszimmer im Collegium Polonicum, als Berater beider daran beteiligten Universitäten.

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