Brandenburgs Umweltminister: Fischsterben mit gigantischem Ausmaß

Die Oder bei Frankfurt aus der Luft

Politiker, Institute und Verbände suchen nach der Umweltkatastrophe in der Oder nach Antworten. Im Umweltausschuss des Landtags geht es um das Ausmaß der Katastrophe, Hilfe für Betroffene, die künftige Fischbewirtschaftung und die Stärkung des Ökosystems der Oder.


Das Fischsterben in der Oder hat nach Einschätzung von Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) historische Ausmaße angenommen. «Ein Fischsterben, wie wir es noch nie hatten – zumindest seit 1989 – mit gigantischem Ausmaß», sagte Vogel am Dienstag in einer Sondersitzung des Umweltausschusses im Landtag. Nach Schätzungen des Instituts für Binnenfischerei sind zwischen 25 und 50 Prozent der Fische getötet worden. Die Verluste der Fischereibetriebe an der Oder seien drastisch. Nach Ansicht des Leiters des Nationalparks Unteres Odertal muss nun mit Maßnahmen die Widerstandsfähigkeit der Oder gestärkt werden.

Allein in der Verbrennungsanlage der Raffinerie PCK Schwedt seien bereits 22 Tonnen Fischkadaver entsorgt worden, weitere 88 Tonnen seien dort zur Vernichtung angemeldet, berichtete der Umweltminister. In einer weiteren Anlage in Rüdersdorf seien bereits 8 Tonnen verbrannt worden, «und viele Tonnen toter Fisch sind noch gar nicht erfasst».

Freiwillige Helfer des THW auf Ziegenwerder
© Foto: Toni Feist Freiwillige Helfer des THW auf Ziegenwerder

Der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Binnenfischerei (IfB), Uwe Brämick, geht von 200 bis 400 Tonnen Fisch aus, die getötet wurden. Er erklärte dazu: «Beim Fischsterben findet man nicht jeden toten Fisch, wir müssen davon ausgehen, dass zwei- bis viermal so viel Fische gestorben sind, wie geborgen und entsorgt worden sind.» Brämick zufolge leben rund 50 Arten in der Oder.

Die Verluste der Fischereibetriebe an der Oder bezeichnete er als drastisch. «Wir gehen davon aus, dass es zwei bis vier Jahre dauern wird, bis sich die Potenziale der Bestände wieder so entwickelt haben, wie es vor dieser Entwicklung der Fall war.» In der Oder werden ihm zufolge normalerweise etwa 50 bis 60 Tonnen Fisch durch die 12 Fischereibetriebe gefangen, die damit 80 Prozent ihrer Erlöse einnehmen. Ebenso viele Tonnen holen Angler jährlich aus dem Fluss.

Brämick sprach sich für ein längerfristiges Monitoring bei der Nutzung der Fischbestände aus. So könnten nach solchen Ereignissen die Folgen besser eingeschätzt und bewertet werden.

Nach Ansicht des Leiters des Nationalparks Unteres Odertal, Dirk Treichel, muss die Widerstandsfähigkeit des Fließgewässersystems der Oder gestärkt werden. «Wir brauchen eine Kur für die Oder», sagte Treichel beim Umweltausschuss. Es müsse alles unternommen werden, um den Stress des Ökosystems zu minimieren. Dazu gehörten die Verhinderung von Gewässereinleitungen und gewässerbauliche Maßnahmen.

In der Oder wurden auf polnischer und deutscher Seite in den vergangenen Wochen massenhaft tote Fische entdeckt und eingesammelt. Bis zum Samstag wurden in Polen und Deutschland rund 200 Tonnen Fischkadaver eingesammelt. Die Ursache für das Fischsterben ist bislang unklar. Jedoch wurde in Wasserproben sowohl in Polen als auch in Deutschland eine giftige Alge festgestellt.

Polnisches Polizeiboot auf der Oder
© Foto: Toni Feist Polnisches Polizeiboot auf der Oder

Im Zusammenhang mit dem Fischsterben hat Polens Wasserbehörde nach eigenen Angaben 282 Abwasserabflüsse ohne aktuelle wasserrechtliche Genehmigung entdeckt. Es werde derzeit geklärt, von wo aus diese Leitungen zur Oder gelegt wurden und wem sie gehören, sagte der designierte neue Chef der Wasserbehörde, Krzysztof Wos, am Dienstag. In 57 Fällen sei bereits die Polizei informiert worden.

Brandenburgs Umweltminister erneuerte die Kritik an der Kommunikation auf polnischer Seite. Die polnischen Behörden hätten nach dem internationalen Alarmplan zum Schutz der Oder ihre Beobachtungen zum Fischsterben nach einer festgelegten Meldekette an die deutschen Behörden weitergeben müssen, sagte Vogel. «Das erfolgte aber nicht.» Der Grund dafür war laut Vogel eine Fehleinschätzung der polnischen Behörden, dass es sich um ein lokales Ereignis gehandelt habe.

Schild auf der Insel Ziegenwerder
© Foto: Matthias Kayales Schild auf der Insel Ziegenwerder

Der Vorsitzende des Umweltausschusses, Wolfgang Roick (SPD), hält Konsequenzen aus dem Fischsterben in der Oder für notwendig – auf deutscher und polnischer Seite. «Was wir leider nicht haben und das ist durchaus ein Punkt, den wir verändern wollen, ist eine Übersicht oder ein Kataster über die Mengen, die in Polen – auch mit Genehmigung – eingeleitet werden», sagte Roick vor der Sitzung. «Bisher, was wir wissen, ist es so, dass ein Rückhaltebecken die Ursache durchaus sein kann, das ist geöffnet worden.» Aus dem Becken sei Salz ausgetreten, das zu einem verstärktem Wachstum der Goldalge und zum Fischsterben geführt habe.

Vorsitzende des Umweltausschusses im Brandenburger Landtag, Wolfgang Roick (SPD)
© Foto: SPD-Landtagsfraktion Brandenburg Vorsitzende des Umweltausschusses im Brandenburger Landtag, Wolfgang Roick (SPD)

Er sieht auch mögliche Defizite auf deutscher Seite. Es gehe darum zu prüfen, «ob es eine andere Art der Überwachung» geben müsse, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Frage sei, ob an der einen oder anderen Stelle im Landesumweltamt «nicht ausreichend Personal da war».