Hochwasserschutz kommt voran – «Leben am Fluss ist anders»

Von Silke Nauschütz

Tausende Menschen leben in Brandenburg an Oder und Elbe seit Jahrzehnten mit dem Hochwasser. Auch die Prignitz und Elbe Elster blieben davon nicht verschont. Die Landesregierung will den Gewässern mehr Raum geben und drückt beim Schutz der Deiche aufs Tempo.

Es sind Bilder aus der Vergangenheit, die sich eingeprägt haben und zu Brandenburg gehören: Entlang von Oder und Elbe mit ihren Nebenflüssen standen in den vergangenen Jahrzehnten mehrmals Dörfer und Gemeinden unter Wasser. Den Flüssen mit natürlichen Überflutungsflächen ihre Räume wiederzugeben und so einen dauerhaften Hochwasserschutz zu etablieren, ist die Mammutaufgabe des Landes nach den Hochwassern von 1997, 2002, 2006 und 2013. Was hat sich inzwischen getan im Land beim Hochwasserschutz?

In Wittenberge (Prignitz) an der Elbe ist seit dem letzten Hochwasser im Sommer 2013 «viel passiert», sagt Martin Hahn. Der Bauamtsleiter war damals im Krisenstab. Die Altstadt drohte überschwemmt zu werden. Zeitweise mussten 1500 Menschen ihre Wohnungen verlassen.

Der Pegel Wittenberge stand bei 7,85 Metern – etwa zehn Zentimeter weiter war Schluss. «Die Erfahrung sagte den Akteuren vor Ort, dass diese Höhe eine neue Dimension darstellte», erinnert sich Hahn. Eine Welle der Hilfsbereitschaft habe eingesetzt. «Jeder schaute über seinen Tellerrand – wir sind nicht abgesoffen.»

Acht Jahre später bietet sich ein anderes Bild. In der Altstadt sichert eine Spundwand im Deichkörper die Menschen vor dem Hochwasser, ein Weg vor der Schutzanlage lädt mit Blick auf die Elbe zum Flanieren ein – auch, weil das Landesamt für Umwelt ästhetische Gesichtspunkte mit berücksichtigte und die Wand verklinkert werden konnte, wie der Bauamtsleiter erzählt – nicht unwichtig für den Bereich, der Bevölkerung und Touristen anzieht. «Leben am Fluss ist anders», weiß Hahn. «Die Menschen haben Respekt vor ihm und gleichzeitig ein Gespür dafür, mit dem Wasser zu leben.»

Nach Angaben des Umweltministeriums wurden an der Elbe im Kreis Prignitz etwa 99 Prozent der zu bearbeitenden Elbehauptdeiche verstärkt beziehungsweise erweitert, davon 75,8 Kilometer Elbehauptdeich. Insgesamt sind es 76,4 Kilometer Hauptdeich. Im Bereich Wittenberge wurden 5,7 Kilometer Hochwasserschutzanlagen verstärkt sowie 6,9 Kilometer neu errichtet.

In Mühlberg (Elbe-Elster) schaut Hannelore Brendel aus Gewohnheit noch jeden Tag auf den Pegel, bevor sie zur Arbeit geht. Die ehemalige Bürgermeisterin war beim Hochwasser 2013 rund um die Uhr im Einsatz. Hunderte Menschen mussten aus ihren Wohnungen, das Wasser der Elbe bahnte sich seinen Weg in die Stadt. «Das Druckwasser staute sich an verschiedenen Stellen, was man heute noch sehen kann», erzählt die erste Beigeordnete der Verbandsgemeinde Bad Liebenwerda. Der Pegel stand bei 9,89 Metern, der Deich wurde auf zehn Meter Höhe gebaut. «Theoretisch hätten die Deiche gar nicht halten dürfen.»

Mit am schwierigsten war damals die Evakuierung der Pflegeheime – eine emotionale Belastung für die Bewohner, von denen viele als Flüchtlinge im Krieg ihr «Hab und Gut» zurücklassen mussten, erinnert sich die 64-Jährige. «Das Wichtige ist, dass man seine Erfahrung weitergibt», sagt sie heute. Die Bevölkerung habe dazugelernt, etwa bei der Sicherung ihrer Öltanks in den Häusern und der Stromanlagen. Zudem könnten sie sich direkt bei den Fachleuten auf Deichbaustellen über die Schutzmaßnahmen informieren. Sogenannte Deichläufer werden eingearbeitet. Die Bevölkerung sei aufmerksamer, weiß Brendel. «Nicht wenige wissen: wenn in Dresden die nächste hohe Stufe ist, dann haben wir zwei Tage später das Wasser bei uns.»

Im vergangenen Jahr wurden nach Ministeriumsangaben unter anderem zwei weitere Bauabschnitte im Landkreis Elbe-Elster fertiggestellt. Entlang der Elbe wurden insgesamt 14,5 Kilometer Deiche verstärkt und Hochwasserschutzanlagen erneuert. Zudem wurden insgesamt 18 Hochwasserschutzbauwerke entlang der Elbe um- beziehungsweise neu gebaut. Insgesamt standen für die Elbdeicherweiterung 181 Millionen Euro bereit. Der Schwerpunkt der Hochwasserschutzvorhaben lag im vergangenen Jahr an der Elbe im Süden von Brandenburg.

In diesem Jahr soll der Fokus beim Hochwasserschutz an der Schwarzen Elster liegen. Im Sommer ist die Fertigstellung von drei weiteren Bauabschnitten des Hochwasserschutzes für Mühlberg als Teil der Gesamtmaßnahme Elbdeicherweiterung im Landkreis Elbe-Elster geplant. In der Prignitz soll im September Baubeginn für den Hochwasserschutz der Ortslage Müggendorf sein. In Frankfurt (Oder) ist im Mai der Beginn des Baus für die ersten zwei Abschnitte des Hochwasserschutzes entlang der Uferpromenade nördlich der Stadtbrücke geplant.

Visualisierung der neuen Oderpromenade von PA GmbH Pätzold Architekten.

Beim Hochwasserschutz kommt die Politik nicht um schwierige Entscheidungen auch gegen den Willen der Bevölkerung herum. Das Land will weitere Polderflächen definieren. Denn haben Flüsse mehr Überflutungsflächen, sinken die Pegel und die Fließgeschwindigkeit nimmt ab. In Zeiten, wo kein Hochwasser ist, müssten Landwirte und Städte dafür sensibilisiert werden, sagt Bauamtsleiter Hahn aus Wittenberge. Nicht immer gebe es Zustimmung bei den Einschränkungen, das sei ein Diskussionsprozess. «Man vergisst, wie bedrohlich das für unsere Altstadt war. Polderflächen muss es geben, man muss nur genau schauen, wo sie liegen», schätzt er ein.

«Es kommt immer darauf an, wie man das vermittelt», sagt Axel Kruschat, Geschäftsführer des Landesverbandes Brandenburg des Bundes für Umwelt und Naturschutz Brandenburg (BUND). «Wenn man den Leuten nicht klarmacht, dass das eine Notwendigkeit ist, bekommt man auch kein Verständnis.» Dafür brauche man Mehrheiten. Kruschat sieht den Hochwasserschutz noch nicht genügend für die Zukunft gerüstet. Der Deichbau werde bislang nach dem 100-jährigen Hochwasser ausgerichtet. «Man darf nicht mehr nur in die Vergangenheit schauen, sondern auf Klimawandel mit Extremwetterlagen.» Er erhofft sich von der grünen Regierungsbeteiligung im Bund in dieser Hinsicht mehr Maßnahmen.

Die Oder im Winter
© Foto: Christian Budschigk Die Frankfurter Oderpromenade im Winter