Wenn das mittelalterliche Wahrzeichen bröckelt

Die Marienkirche ist Frankfurts Wahrzeichen und das größte mittelalterliche Gotteshaus in Brandenburg. Erst nach der Wende wurde aus der Ruine wieder ein fast vollständiger Sakralbau. Doch das Denkmal bleibt ein Sanierungsfall. Von Jeanette Bederke

Die Frankfurter Marienkirche bröckelt, etliche Putzteile sind bereits herabgefallen. Ein Bauzaun im Bereich des Turms an der Westfassade verhindert, dass Passanten zu dicht an der Kirchenmauer entlanglaufen und von herunterstürzenden Teilen getroffen werden. «Wir haben hier Witterungsschäden, weil an den Fenstereinfassungen und Mauernischen Bleiabdeckungen fehlen und sich der Regen in den Fugen sammelt», erklärt Christian Nülken.

Der Frankfurter Architekt kennt die mit der Stadtgründung 1253 als größter Sakralbau norddeutscher Backsteingotik in Brandenburg errichtete Marienkirche wie seine Westentasche. Er begleitet die Sanierung der 1945 ausgebrannten Kirche seit mehr als 40 Jahren.

Die ersten Restaurierungsarbeiten an der Ruine begannen 1981 an Sakristei, Märtyrerchor und Kellergewölben, um die Kirche überhaupt erst wieder zugänglich zu machen. Die Errichtung des deutschlandweit größten im 20. Jahrhundert gebauten Holzdachstuhls war nach der Wende ein Höhepunkt des Wiederaufbaus von St. Marien. Im Inneren wurden die Gewölbedecken mit den charakteristischen Kreuzrippen wiederhergestellt, die elf Meter hohen Bündelpfeiler samt Nordarkade saniert oder erneuert.

«Der fast 50 Meter hohe Glockenturm erhielt einen Kalkmörtel-Farbanstrich, der jedoch nicht witterungsbeständig ist»

erläutert der Architekt. Um nun zu sanieren, müsse er komplett eingerüstet werden.

«Die Reparaturen werden aufwendig, sollen im Mai dieses Jahres beginnen und im November abgeschlossen sein», bestätigt Sabine Wunderlich, Leiterin des Technischen Immobilienmanagements der Frankfurter Stadtverwaltung. Da Gefahr im Verzug sei, habe die Stadt auf die langwierige Beantragung von Fördermitteln verzichtet und trage die Kosten in Höhe von rund 280 000 Euro selbst. Die Mittel stammen demnach aus eingesparten Geldern des nicht benötigten Winterdienstes sowie aus Verwaltungsgebühren, die Frankfurt durch die Genehmigung mehrerer größerer Bauvorhaben im vergangenen Jahr eingenommen hat.

Was kaum noch jemand weiß: Die Frankfurter Marienkirche besaß einst Doppeltürme. Das Südbauwerk hatte im 19. Jahrhundert zunächst mehrere Risse bekommen und stürzte schließlich 1826 komplett ein. Der Stumpf wurde mit Mauersteinen verschlossen. «Natürlich gab es immer mal Überlegungen, ihn wieder aufzubauen. Doch die Pläne scheiterten aufgrund der zu erwartenden hohen Kosten», erklärt Nülken.

Der Nordturm wird jetzt allerdings nicht nur äußerlich saniert. Im Inneren wird auch am Glockenstuhl gebaut. Das Geläut der Marienkirche bestand ursprünglich aus sechs Glocken. Nur eine überstand die Kriegszeit, drei weitere wurden 2014 neu gegossen und wieder eingebaut.

Noch fehlen die beiden Uhrenschlag-Glocken – das Geläut zu jeder Viertelstunde kommt seit Jahren vom Tonband. Nun aber habe der Förderverein St. Marien genügend Spenden gesammelt, um auch diese beiden Glocken neu gießen und im Laufe des Jahres 2022 wieder einbauen zu lassen, bestätigen Nülken und Wunderlich. Auch danach geht es am Frankfurter Wahrzeichen, das mittlerweile vor allem als Kulturzentrum genutzt wird, mit Restaurierungsarbeiten weiter, sagt Wunderlich.

«Wir sind uns bewusst, dass die Marienkirche ein Besuchermagnet in der Stadt ist. Immerhin rund 50 000 Gäste kommen jährlich, hauptsächlich wegen der Glocken, die bei Turmbesteigungen aus der Nähe bewundert werden können. Und natürlich, um die gläserne Bilderbibel in den drei Chorfenstern zu sehen», erklärt Wunderlich.

Durch die kunstvollen Glasmalereien aus dem 14. Jahrhundert, bestehend aus 117 Einzelfeldern mit Bibelszenen, wurde das Frankfurter Gotteshaus überregional bekannt. Vorsorglich 1945 vor den Kriegsereignissen ausgeglast, landeten die kostbaren Scheiben als Beutegut in der Sowjetunion. Nach der Jahrtausendwende kehrten sie zurück, wurden aufwendig restauriert und wieder eingebaut.

«Es ist maßgeblich den Frankfurter Bürgern zu verdanken, dass dieses Herz der Stadt – trotz der Kriegszerstörungen – noch immer schlägt und dass die Kirche heute ein Ort der Kultur, des Austauschs und der Begegnung ist», würdigt Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD). Um ein solches Kleinod zu erhalten und weiterzuentwickeln, bedürfe es des Miteinanders vieler.